Dienstag, 29. Mai 2007

Vertrackt

Wundersam. Da wird man nun bald 40 und ist doch noch immer nicht heimisch geworden in sich. Selbstbewußt löst sich das reflektierende Ich von eben und gründet eine Web 2 community mit dem Ich des anderen. Eigentlich war das schon vergessen, dass es das ja auch noch gibt: Klein, einfach, niedlich, schüchtern. Atemlos und ein wenig gehetzt, wetzt es durch die ganzen vielen Wörter, die es so angesammelt hat in diesem Leben und wundert sich, dass nicht ein einziges gerade wirklich zu passen scheint. Wo sind die alle hin? Diese ganzen vielen Wörter aus dem angeblich aktiven Wortschatz?! Ich habe wirklich überall gesucht. Beim emotionalen Ich - aber das war viel zu aufgeregt und wusste gerade nicht einmal seinen Namen. Das autobiografische saß ganz hinten in einem Sessel am Kamin und erzählte sich kleine Anekdoten. Hasenfüssig wich das Reflektive aus, wie immer in der Angst etwas Falsches zu sagen und damit die eine oder die andere Denkrichtung zu verärgern. Welches Ich ich auch antraf, sie alle schienen auf wundersame Weise überhaupt keine Ahnung zu haben, was mit den Wörtern passiert war, deren ich gerade bedurfte. So langsam schwant mir, dass wenn sich alle meine Ichs so verbrüdern, das nichts gutes heissen kann. Vielleicht habe ich sie gestern verärgert, mit der Behauptung, das nur die Alten die Namen von Bäumen noch wissen. Mit dem Alter ist ja bekanntermassen nicht zu spaßen.

Montag, 28. Mai 2007

Baumkunde

Heute war es nicht so weit. Sie ist noch da. Einen ausgemachten Lokalpatriotismuss kann man ihr nicht gerade nachsagen, dieser Kälte. Eher etwas hündisches, deren Nase den restlichen Körper hinter sich herzergelt. Dieser Kalte Hund zieht um die Häuser aller Hauptstädte und durch deren Zwei-Drei- Ein-Raum-Wohnungen. Die Frage, zu welchem Baum das Blattwerk vor dem Zimmerfenster gehört, bleibt weiterhin eine zu klärenden Frage. Espen- oder Eichenlaub, Robinie oder Akazie? Wäre es Ahorn, so hätte die botanische Bestimmung ein leichtes Spiel: die Kindheitserinnerung stände stramm bei Fuße und erzählte uns eine humoreske Geschichte von langen Nasen, die unsere Väter uns auf die eigene klebten. Das Gefühl des klebrigen Samensaftes, der auf der Nase antrocknete - da ist sie wieder, diese wunderbare Amygdala, die nur eine anmutige Dame sein kann. Eine Dame, die Hüterin all dieser wundersamen Schätze ist. Trotz Kälte ist also soviel klar: Die Alten würden es wissen. Wie die Bäume heissen, wann die Kälte verschwindet und ob der Sommer uns auf einen langen Aperitiv einladen würde, der uns bis in den goldenen Oktober seinen Geschichten lauschen läßt. Vorerst hoffe ich auf einen sommerlichen Traum. Heisst es ja doch: Den seinigen gibt es der Herrgott im Schlaf.

Früher Morgen

Am frühen Morgen im Berlin Prenzlauer Berg gehören die Straßen den Kranken, den Behinderten und den Alten. All jenen, die man ansonsten hier nie sieht. Besser gesagt: In der Regel fallen sie nicht bewußt ins Blickfeld. Ein Bärtiger, reglos in seinem Rollstuhl, vor einem Zeitungskiosk, blickte starr vor sich hin. Beim Fahrradfahren ein Schnappschuß: ein Klecks aus Rot und Gelb und Starre. Ein anderer ging am Stock, mit den tief, tief gesenkten Augen Bildfragmente des Gehsteigs klaubend. Oder doch nicht: sah er den Boden wirklich? Ein dritter, aufgeschwemmt, tauchte im Rahmen des Fensters auf, als ich schon im Büro saß. Eine erstaunlich dicke und ausladende Brille trug er, die unsicher auf seiner Nase balancierte. Schlurrte den Weg hinauf, ohne Ausdruck. Die Zweige der Eichen (sind es Eichen? meine botanische Unwissenheit!) zittern wieder. Gestern Schauer, heute schon wieder Schaudern. Wann endet die Kälte in dieser Stadt?

Kein Morgen

Wundersam, wie die Welt sich aufzuteilen scheint in Wissen und Unwissenheit. Scheinbar sind sie nur Nanomillimeter von einander getrennt. Fraglich, ob man in dieser kurzen Zeitspanne den Impuls empfängt und auch noch richtig interpretiert. Ich bin mir da leider häufig nicht so sicher. Zu langsam bin ich für diese Welt, deren Zeitspannen sich durch mein Bewusstsein schieben. Mancher Morgen vergeht, bevor ich begreife, welche Situation Traum und welche Realität ist. Diesen nebulösen Zustand, der einer kleinen Ohnmacht gleichkommt, versuche ich auszudehnen. Walze ihn aus wie Kuchenteig und rate, was seine Form sein könnte. Naschend gleite ich in den Tag hinein...

Freitag, 25. Mai 2007

Zur Amygdala - Notizen

Ein schöner Name, nicht wahr?
Sie ist an allem schuld. Sie, der Mandelkern, wie die Übersetzung – nicht weniger hübsch – lautet. Sie teilt sich in corticomediale Amygdala, für die Verarbeitung von Gerüchen zuständig, Zentralkern, der mit dem Hypothalamus alle vegetativen und affektiven Reaktionen steuert, und basolaterale Amygdala.
Dieser Teil, die basolaterale Amygdala, ist der gefährlichste. Er erhält Erregungen, d.h. Informationen, aus dem visuellen, somatosensorischen und auditorischen System, außerdem vom mesolimbischen System, das „gut“ von „schlecht“ unterscheidet (subjektiv, versteht sich, Metaphysik und Ethik lassen wir bitte beiseite), und vom Hypothalamus, dem Überlebenszentrum unseres Gehirns, das vegetative Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Kreislauf, etc. und Verhalten wie Flucht, Abwehr, Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme steuert.
Je nachdem, ob die sensorischen Informationen über Umschaltstellen im Thalamus oder auf einem Umweg über den Cortex zur Amygdala gelangen, nehmen wir sie unbewusst oder bewusst wahr. In der basolateralen Amygdala jedenfalls werden diese unbewussten oder bewussten sensorischen Informationen mit den affektiv-emotionalen Zuständen verknüpft. Das ist der Grund, weshalb wir Orte, Gegenstände, Gerüche, Farben, Namen oft mit Personen oder Ereignissen verbinden, die für uns positiv oder negativ besetzt sind – so dass wir die entsprechenden Orte, Gegenstände, Gerüche, Farben auch positiv oder negativ besetzen. Anscheinend ist es noch unklar, ob die Amygdala sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen verarbeitet. Manche Neurobiologen meinen aber, sie sei nur für das Negative in unserem Leben zuständig, das mesolimbische System hingegen für das Positive. Die Krux dabei: Vom mesolimbischen System weiß ich noch nichts, ich habe noch keine einschlägigen Erfahrungen mit ihm gemacht. Aber die Amygdala vergisst nicht. Glaubt Gerhard Roth. Unweigerlich – und völlig unvernünftig – ruft sie bei Wiederholung bestimmter sensorischer Informationen, ob sie bewusst oder unbewusst wahrgenommen wurden, die mit ihnen verknüpften affektiv-emotionalen Zustände wach. Also: Vor allem die negativen. Völliger Mist! Hätte sich die Schöpfung des menschlichen Gehirns nicht auf die Großhirnrinde beschränken können?

Dienstag, 15. Mai 2007

wochenendneuronen

Auf dem Sofa in klammer Wohnung was von der Lokalisation der Seele im Gehirn lesend, genauer gesagt davon, wie der Begriff "Lokalisation der Seele" sich durch die Jahrhunderte wandelte, erinnerte ich mich an das Kreischen des Kindes im Film, das jemand hervorhob, La Notte war es, Antonionis "Nacht", und der Aufschrei eines Kindes, der beiläufig aufschrillt, während die Kamera an Brachen und Ödnissen der Vorstadt vorbeifährt, war schon in "L'eclisse" vorgekommen, der "Mondfinsternis".
Muss wohl ein Leitmotiv sein, sagte er, sagte er nicht, nur eine implizite Bemerkung. Wiederkehr, Obsession, dachte ich später, ein Schmerzpunkt im Vergehen der Zeit. Und es fiel mir ein, dass es genau darum ging, im Film, im Buch, unter der Schädeldecke: um das unerträglich unmerkliche Vergehen der Zeit und die Schmerzpunkte darin. Als einzige bleiben sie von all dem Alltagslebensgewirr im Gedächtnis: spitze Wahrnehmungssplitter, in der Hirnmasse eingekeilt, auf ewig behält das Gehirn nichts außer dem Schmerz. Andere Bilder erlöschen unweigerlich - in der "Mondfinsternis" gegen Ende nach und nach. In der "Nacht" versuchen zwei, die sich einst liebten, die vergangene Szene ihrer Liebe durch einen Brief wachzurufen, in dem die Schrift sie gebannt hat. Festgehalten, liquidiert: Wahrnehmung, in Buchstaben eingefroren, ist tot - und fertig für die Ewigkeit. Ob sich die zwei deshalb so verzweifelt an den alten Brief und aneinender klammern? Wissen sie etwa, dass ihr Beharren, an der Flüchtigkeit des Empfindens gemessen, Selbstmord bedeutet?
Aber vielleicht "muss" man die Bilder durch Worte aufspießen. Sei es nur zum Zwecke der mentalen Hygiene.
Am Wochenende, dem gerade vergangenen, überschlugen sie sich allzu rasch. Gesichter, Stimmen, Töne, Szenen, Hin- und Her-Bewegungen und viel Geplapper: ein Kuddelmuddel der Perzeption. Keine Tastatur zur Hand, um sie aufzuzeichnen. Nicht einmal Zeit, um den einzelnen Fragmenten wenigstens in der Hirnmasse einen vorläufigen Platz zuzuweisen. Was wundert mich, dass mein Gehirn aussetzte? Daraufhin eine ganze, lange Nacht mich im Dämmerlicht verbleiben ließ? Es tut es immer pünktlich, wenn ich es überreize. Vielleicht sollte ich mir überlegen, wie ich es anstelle, sanfter mit ihm umzugehen.

Sonntag, 13. Mai 2007

Evolution

Nun hat sie uns also erreicht, die Blogwelle. Mit nur weniger als 10 Jahren Verspätung. Das ist für italienische Verhältnisse doch eigentlich als pünktlich zu werten. Und wenn ich so den Zeitbalken meines Rechners betrachte ist es geradezu Lichtgeschwindigkeit.
Nun denn: Wir sind da. Wie alle Stuckrad-Barres dieser Welt haben auch wir natürlich nichts zu sagen. Aber da wir in Berlin leben glauben wir das zumindest...