Auf dem Sofa in klammer Wohnung was von der Lokalisation der Seele im Gehirn lesend, genauer gesagt davon, wie der Begriff "Lokalisation der Seele" sich durch die Jahrhunderte wandelte, erinnerte ich mich an das Kreischen des Kindes im Film, das jemand hervorhob, La Notte war es, Antonionis "Nacht", und der Aufschrei eines Kindes, der beiläufig aufschrillt, während die Kamera an Brachen und Ödnissen der Vorstadt vorbeifährt, war schon in "L'eclisse" vorgekommen, der "Mondfinsternis".
Muss wohl ein Leitmotiv sein, sagte er, sagte er nicht, nur eine implizite Bemerkung. Wiederkehr, Obsession, dachte ich später, ein Schmerzpunkt im Vergehen der Zeit. Und es fiel mir ein, dass es genau darum ging, im Film, im Buch, unter der Schädeldecke: um das unerträglich unmerkliche Vergehen der Zeit und die Schmerzpunkte darin. Als einzige bleiben sie von all dem Alltagslebensgewirr im Gedächtnis: spitze Wahrnehmungssplitter, in der Hirnmasse eingekeilt, auf ewig behält das Gehirn nichts außer dem Schmerz. Andere Bilder erlöschen unweigerlich - in der "Mondfinsternis" gegen Ende nach und nach. In der "Nacht" versuchen zwei, die sich einst liebten, die vergangene Szene ihrer Liebe durch einen Brief wachzurufen, in dem die Schrift sie gebannt hat. Festgehalten, liquidiert: Wahrnehmung, in Buchstaben eingefroren, ist tot - und fertig für die Ewigkeit. Ob sich die zwei deshalb so verzweifelt an den alten Brief und aneinender klammern? Wissen sie etwa, dass ihr Beharren, an der Flüchtigkeit des Empfindens gemessen, Selbstmord bedeutet?
Aber vielleicht "muss" man die Bilder durch Worte aufspießen. Sei es nur zum Zwecke der mentalen Hygiene.
Am Wochenende, dem gerade vergangenen, überschlugen sie sich allzu rasch. Gesichter, Stimmen, Töne, Szenen, Hin- und Her-Bewegungen und viel Geplapper: ein Kuddelmuddel der Perzeption. Keine Tastatur zur Hand, um sie aufzuzeichnen. Nicht einmal Zeit, um den einzelnen Fragmenten wenigstens in der Hirnmasse einen vorläufigen Platz zuzuweisen. Was wundert mich, dass mein Gehirn aussetzte? Daraufhin eine ganze, lange Nacht mich im Dämmerlicht verbleiben ließ? Es tut es immer pünktlich, wenn ich es überreize. Vielleicht sollte ich mir überlegen, wie ich es anstelle, sanfter mit ihm umzugehen.
Dienstag, 15. Mai 2007
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