Montag, 25. Juni 2007

Das jüngste Gespenst

Obwohl es an Merkwürdigkeiten in meinem Leben niemals mangelt, sind die in den letzten Monaten sich anhäufenden Begegnungen mit Menschen aus der fernen Vergangenheit sehr merkwürdig. Mir ist es, als würden Gespenster vortreten, um einem wieder ins Bewusstsein zu rücken, was einst gewesen ist. Als wollten sie sagen: Ehi, Du, war es Dir klar, was Du damals machtest, dachtest, sagtest? Wer Du gerade warst? was um Dich herum war? was Dir geschah, oder Deinetwegen geschah? Und wer bist Du jetzt?

Und - von den Gespenstern gewiss gar nicht intendiert – kommt die Frage auf: Warum warst Du auf der Flucht?
Warum bist du vorbei gerauscht?
Und dann? Ging es so weiter?
Immer noch die kleinen, unsichtbaren Flügel an den Fußgelenken?
Hast Du jetzt Boden unter den Füßen?
Die Antwort verkneife ich mir. Ich wüsste sie nicht.

Ich stelle das Fahrrad ab, drehe mich um, mustere neugierig einen Unbekannten, der an das Geländer vor dem Gebäude lehnt und seines teils geschäftigen teils gelangweilten Gehabes wegen den Verdacht erweckt, er könnte ein Kollege sein, oder wenigstens jemand, der berufshalber mit der Ausstellung zu tun hat, die ich besichtigen will. Ich steige die Treppen hinauf, trete über das Tor, stürme quasi herein, hastig wie immer, wenn ich irgendeinen Ort allein betrete, dort verabredet, gewöhnlich - doch nicht immer - unpünktlich, jedoch immer von der Vorstellung geplagt, mal wieder unpünktlich zu sein, man kann die Vorstellung ja nicht abstellen, wenn man weiß, dass man oft unpünktlich ist, also renne ich herein, und darin, nach wenigen, allzu großen Schritten: Halt! In der Mitte des Raumes, direkt auf der Linie, die meine Schritte bereits vorgezeichnet haben, steht jemand, blickt mich unentschieden an. Ich bleibe stehen, blicke zurück in der Gewissheit, den Menschen wohl kennen zu müssen. Erkennen? Das braucht noch eine Minute oder zwei oder drei. Wir schauen uns an. „Do we know us?“ Sonderbare Frage. Schweigen. „Yes, I think we know us.“ Ich schaue ihn genau an. „Ach, wie, Du?“, irgendwo leuchten Glühbirnen in der grauen Masse auf, glücklicherweise tonlos und gut getarnt, der gesamte Cortex rutscht zu den Zehen. Für einen Fünfzigstel einer Sekunde möchte ich verschwinden, dann staune ich eher über den Vorfall. „Are you still...“ Er fragt mich, ob ich den gleichen Beruf ausübe wie damals. Ein wenig hat sich das geändert, sage ich, ziemlich erleichtert von der Tatsache, dass mich dieser Mensch weder ohrfeigt, noch beschimpft noch Anstalten macht, das Gespräch augenblicklich abzubrechen, um seinen noch anhaltenden Zorn, gar Verachtung vielleicht, auszudrücken. Small Talk-Versuch also. Ob er auch die ganze Zeit in Berlin gewesen ist? Es stellt sich heraus, dass wir für den gleichen Arbeitgeber arbeiten, d.h. für den gleichen Auftraggeber, wenn auch in verschiedenen Bereichen; dass wir die meiste Zeit in der gleichen Stadt gelebt haben, „We met us 2000...“ Schwupp, sieben Jahre sind es her, was machen wir an diesem Ort? Er hilft mir auf die Sprünge, was seinen Namen betrifft, indem er auf die Stelle im Programmheft zeigt, an der er genannt wird. Ich gucke das Blatt interessiert an, schamvoll über mich selbst staunend. Darüber, dass mir erst in dem Moment der Name einfällt, besser gesagt, dass ich erst jetzt den Namen erkenne; nicht auszuschließen, sogar äußerst wahrscheinlich, dass er schon tausendfach aus irgendeinem Stück gedruckten Papiers in meiner Hand hervorlugte, ohne auch nur den leisesten Schimmer einer Erinnerung zu erwecken. Ich versuche es nicht einmal, sie aus dem Gestrüpp wirr sich überlagernder Gedächtnisschnipsel hervorzuholen, es geht jetzt zu schnell, dafür gibt’s keine Zeit, er redet von der Sache, derentwegen er gerade da ist, dann ertönt von irgendwoher mein Name in dem Saal, die Freundin, mit der ich verabredet bin, ruft mich herbei, ich laufe zu ihr, er dreht sich um, geht, ich schaue ihm perplex hinterher, frage mich, ob ich nicht etwas mehr hätte erfahren wollen, als das, woran ich mich noch vage erinnere.

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